Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Adler, H[ans] G[ünther]

Wurde am 2. 7. 1910 als Sohn des Buchbinders Emil Alfred Adler in Prag-Karolinenthal geboren. Er studierte Musik- und Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an der Deutschen Universität zu Prag und promovierte 1935 mit einer Arbeit über Klopstock und die Musik. Bis Juli 1938 arbeitete er als Lehrer im Prager Volksbildungshaus Urania. Nach der deutschen Besetzung schlüpfte er zunächst im väterlichen Betrieb unter, kam dann im Sommer 1941 in ein Arbeitslager nahe Iglau. Im Februar 1942 wurde er zusammen mit seiner Frau Gertrud Klepetar nach Theresienstadt deportiert. Im Oktober 1944 brachte man beide in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo Adlers Frau und deren Mutter ermordet wurden. Adler kam nach kurzer Zeit ins Lager Niederorschel, später wurde er ins KZ Langenstein-Zwieberge transportiert. Dort befreite ihn die US-Armee im April 1945. Er nannte sich fortan nur noch H. G., da der Stellvertreter von Adolf Eichmann in Prag ein Mann namens Hans Günther war. Zwar kehrte Adler zunächst nach Prag zurück, seine Heimatstadt verließ er jedoch 1947 endgültig und ging nach London, wo er bis zu seinem Tod am 21. 8. 1988 lebte.

Sein umfangreiches Werk ist von der wissenschaftlichen und literarischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust geprägt. 1958 erhielt er für seine Monographie über Theresienstadt den Leo Baeck-Preis, 1968 für den Roman Panorama den Charles Veillon-Preis, 1974 wurde ihm für die Studie Der verwaltete Mensch die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen.

Adlers Lebenswerk steht ganz im Zeichen seiner Erfahrungen der Jahre 1941-1945. Deshalb hat ihn Klaus Briegleb als den »jüdischen Dichter der Verfolgung« bezeichnet. Dieses Prädikat charakterisiert die außergewöhnliche Komplexität, mit der Adler seine wissenschaftliche und dichterische Reaktion auf Konzentrationslager und Vernichtung als komplementäre Teile zu einem Gesamtkunstwerk verschmolz. Seine universale Reflexion der Lagerzeit begann 1942 in Theresienstadt, als Adler anfing, Unterlagen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Ghetto zu sammeln. Im gleichen Jahr verfaßte er seine ersten Lagergedichte, die er zum Theresienstädter Bilderbogen ("Die Wahrheit verpflichtet", 1998) vereinigte.

Nach Kriegsende machte sich Adler zunächst an die faktuale Darstellung des Erlebten. Das Buch "Theresienstadt 1941-1945", dessen Erscheinen in Deutschland 1955 Th. W. Adorno durchgesetzt hat, ist bis heute ein Standardwerk, das sein Autor einen »Kafka-Roman mit umgekehrten Vorzeichen« nannte. Bemerkenswert ist die intensive literarische Rezeption von Adlers Buch, die sich bei Günter Kunert ("Tagträume in Berlin und anderswo", 1972), Robert Schindel ("Gebürtig", 1992) und jüngst W. G. Sebald ("Austerlitz", 2001) konstatieren läßt.

Wie sehr der wissenschaftliche Diskurs auch dem Literaten Adler zur theoretischen Durchdringung des Stoffes diente, zeigt, daß er binnen weniger Jahre die Romane "Panorama" (1948, 1968), "Die Ansiedlung" (1949, unpubl.) sowie die Erzählung "Eine Reise" (1950/51, 1962) fertigstellte.

"Panorama", ein Bildungsroman in zehn Kapiteln, erzählt das Leben von Joseph Kramer, der unverkennbar die Züge H. G. Adlers trägt. Der Leser folgt dessen Spuren von der Prager Kindheit bis hin zum englischen Exil. Herausragend ist das neunte Bild, das einen erschütternden Einblick in das sogenannte Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau gibt. Der Verleger Willi Weismann hatte sich nach Vermittlung von Elias Canetti sehr darum bemüht, dieses Kapitel schon 1949 in der angesehenen Zeitschrift »Die Literarische Revue« zu publizieren, doch Adler lehnte dies ab.

Der hochartifizielle Text "Eine Reise" literarisiert das Lager Theresienstadt. Geschildert wird die Verschickung der fünfköpfigen Familie Lustig in das fiktive KZ Ruhenthal, von der nur Paul, auch hinter dieser Figur verbirgt sich wohl ihr Schöpfer, überlebt. Um die seelischen Zustände der Lagerinsassen plastisch zu machen, spielt Adler kunstvoll auf der Klaviatur moderner Erzähltechnik: Anrede, innere Monologe und direkte Rede wechseln ständig. Wie fruchtbar die Wechselwirkung von Wissenschaft und Kunst bei Adler ist, läßt sich besonders anhand von "Eine Reise" nachvollziehen. Viele Rechercheergebnisse aus seiner Studie über das Ghetto Theresienstadt werden literarisches Motiv. Eine theoretische Reflexion etwa über die »Leistungsfähigkeit« von Krematorien bricht der Literat zynisch in einem fiktiven Werbetext für Verbrennungsöfen.

Es verwundert mithin nicht, daß in Adlers opus magnum, dem von 1954-1961 entstandenen Roman "Die unsichtbare Wand" (1989), das Motiv des Holocaust-Forschers zentral wird. »Die Dinge sind mir gegenwärtig als Erlebnisse und als Bild«, berichtet Adlers Alter ego Arthur Landau, »und ich will sie auch erforschen, weil ich anders gar nicht kann. Bevor nicht alles durchgedacht und aufgewiesen ist, werde ich nicht rasten, geschweige denn Ruhe finden.«

Mit seinem komplementären Schaffen stellt Adler das personifizierte Gedächtnis des Holocaust dar. Der Band "Auschwitz. Zeugnisse und Berichte", in dem Überlebende des Lagers ihre Geschichte erzählen, kam nicht nur auf vier Auflagen (1962, 1979, 1984, 1988), sondern er ist bis heute wichtig als Beitrag einer die Lager betreffenden Oral history. Noch für Erich Hackl stellt er eine unersetzliche Quelle für sein Buch "Die Hochzeit von Auschwitz" (2002) dar. Eine Art Schlussstein von Adlers Arbeit ist die Studie "Der verwaltete Mensch" (1974), für die er im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte seit 1959 die Deportationsakten der Würzburger Gestapo auswertete. Heinrich Böll bezeichnete sie als »umfassendes Lexikon der Deportation«.

Marcel Atze

Werke: Meer und Gebirge, G., Radolfzell 1931; F. B. Steiner: Unruhe ohne Uhr, Hg., Hdbg. 1954; Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Tüb. 1955, erw. Aufl. 1960; Der Kampf gegen die ´Endlösung` der Judenfrage, Bonn 1958; Die verheimlichte Wahrheit. Theresienstädter Dokumente, Hg., Tüb. 1958; Die Juden in Deutschland. Von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus, Mü. 1960; Unser Georg. Und andere Geschichten, Wien 1961; Eine Reise, E., Bonn 1962; Auschwitz. Zeugnisse und Berichte, Hg., zus. m. Hermann Langbein u. Ella Lingens, Ffm. 1962; Der Fürst des Segens. Parabeln - Betrachtungen - Gleichnisse, Bonn 1964; Die Erfahrung der Ohnmacht. Beiträge zur Soziologie unserer Zeit, Ffm. 1964; F. B. Steiner: Eroberungen. Ein lyrischer Zyklus, Hg., Hdbg. 1964; Sodoms Untergang. Bagatellen, Bonn 1965; Panorama, R., Olten u.a. 1968; Kontraste und Variationen, Würzb. 1969; Ereignisse, En., Olten u.a. 1969; Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland, Tüb. 1974; Fenster, G., London 1974; Viele Jahreszeiten, G., Mü. 1975; Die Freiheit des Menschen. Aufsätze zur Soziologie und Geschichte, Tüb. 1976; Spuren und Pfeiler. Gedichtzyklus, m. Zeichn. v. Friedrich Danielis, London 1978; Transubstantiations Mixed and Fixed, London 1978; Zeiten auf der Spur. Zwei Gedichtzyklen, Aachen 1978; Blicke, G., Bln. 1979; Stimme und Zuruf, G., Hbg. 1980; Vorschule für eine Experimentaltheologie. Betrachtungen über Wirklichkeit und Sein, Stg. 1987; Hausordnung. Wortlaut und Auslegung, Wien 1988; Die unsichtbare Wand, R., Wien 1989; Der Wahrheit verpflichtet. Interviews, Gedichte, Essays, hg. v. Jeremy Adler, Gerlingen 1998.