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Neuester Stand: 29-01-2015 • 17:36

Thomas Anz (Rede zur Präsentation des Lexikons)

Präsentation des "Lexikons der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur"
(am 9.2.04 in der Münchner Buchhandlung "Dichtung & Wahrheit")

Träume ich? Kein schlechter Traum jedenfalls! Da lese ich im Literaturblatt München: "Die Literaturwissenschaftler und -kritiker Thomas Anz und Thomas Kraft präsentieren ihr neues Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur". – "Ihr neues Lexikon", da steht es. Also unser, also auch mein neues Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Langsam kommen die Jahre, in denen man bedenkliche Ausfälle des Gedächtnisses bemerkt. Manches, was ich geschrieben oder herausgegeben habe, habe ich vergessen, vergessen, dass ich es geschrieben oder herausgegeben habe. Aber die Arbeit an einem solchen Lexikon kann man nicht vergessen. Das ist zu groß zum Vergessen. So schlecht ist es mit dem Erinnern doch nicht bestellt. Nicht vergessen habe ich meinen Artikel in der Lexikon-Ausgabe von 1981, nicht vergessen, dass der Herbert Wiesner mich nach Lektüre der Süddeutschen angerufen hatte, ob ich nicht auch für das Lexikon einen Artikel über Otto Gross schreiben wolle. Richtig stolz war ich über den Anruf. Mein erster Lexikon-Artikel! Ein Beitrag zur Gegenwart, doch für die Ewigkeit bestimmt. Dabei war dieser Psychoanalytiker und Anarchist Otto Gross schon seit 50 Jahren tot, also überhaupt nicht mehr gegenwärtig, für ein Lexikon der Gegenwartsliteratur also völlig ungeeignet. Bei der nächsten Auflage war der Artikel auch schon verschwunden. Aber damals, vor mehr als zwanzig Jahren, hat man anscheinend unter Gegenwart anderes verstanden als heute, als in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Im Lexikon der Gegenwartsliteratur standen damals Kafka oder Werfel und alle Expressionisten. Ein halbes Jahrhundert vorher waren sie mit Otto Gross befreundet und ebenfalls längst tot.

Für Germanisten war damals ein würdiger Gegenstand erst einer, der schon mindestens 100 Jahr tot war. Einer, der erst 50 Jahre tot war, gehörte zur Gegenwart, die Germanisten nichts anging. Ein Lexikon der Gegenwartsliteratur, von einem Germanisten herausgegeben, das war eigentlich eine Sünde wider den guten germanistischen Geist. Was war denn das für ein Germanist, dieser Hermann Kunisch, der es wagte, 1964 ein fast gegenwärtiges, also ganz und gar ungermanistisches Lexikon herauszubringen. Da schauen wir doch gleich mal nach, am besten in dem neuen Germanistenlexikon. Da stand ja auch Neues über Peter Wapnewski, Walter Höllerer und Walter Jens. Das Wichtigste findet man dort, glaubt man dem Spiegel, unter der Rubrik "Lebensumstände": "1.5.1933 Mitgl. (Nr. 119895) im NS-Lehrerbund (NSLB) – 1.12.1935 Mitgl. (Nr. 5161563) der NS-Volkswohlfahrt (BSV) ..." Es gibt wohl kaum einen Germanisten, der da nicht irgendwo Mitglied war. Mitglied der NSDAP war der Kunisch aber anscheinend nicht. Das würde doch sonst da stehen. Da steht aber was ganz anderes: "Gegner des NS-Regimes, daher erst 1946 Habilitation; nach dem Krieg wandte sich H.K. gegen die kommunistische Gleichschaltung der Humboldt-Univ. zu Berlin und gehörte daher zu den ersten an die Freie Univ. Berlin berufenen Professoren." Und dann steht da noch: "Freundschaft mit Gottfried Benn, Werner Bergengrün u. Edzard Scharper." Der war also mit lebendigen Autoren befreundet. Viele Expressionisten wie Benn waren zwar keine Expressionisten mehr, aber sie lebten noch. Kunischs Handbuch und Lexikon war zu weiten Teilen ein Expressionisten-Buch. Der Expressionismus war zwar schon 1920 totgesagt worden, doch in der Bundesrepublik wurde er 1960 gerade wieder lebendig, wirkte ganz gegenwärtig. Nichts also gegen Kunisch und nichts gegen seine Vorstellungen von Gegenwart. Doch der wirklichen Gegenwart, vor allem den jüngeren Autoren der Gegenwart, lief das Lexikon immer hinterher. In der Ausgabe von 1981 stehen die Kult-Autoren der siebziger Jahre nur zum Teil drin. Fritz Zorn nicht, und Verena Stephan erst recht nicht, allerdings Karin Struck, Peter Schneider und natürlich - leider - auch Peter Handke.

Mal testen, wie gegenwärtig heute dieses nagelneue Lexikon der Gegenwartsliteratur denn wirklich ist. Karen Duve habe ich leider erst vor wenigen Wochen entdeckt, dabei ist ihr "Regenroman" schon fast vier Jahre alt. Angefangen habe ich mit "Dies ist kein Liebeslied". Die kann was. Darüber steht bestimmt noch nichts in diesem Lexikon, die ist noch zu jung dafür. Draesner, Ulrike – Drawert, Kurt – Droste, Wiglaf – Dückers, Tanja – na, wenn die drin ist, muss doch gleich die Duve kommen. Düffel, John von – Duvanel (-Feigenwinter), Adelheit – da ist sie, die letzte unter D – Duve, Karen, natürlich von Thomas Kraft geschrieben. Sogar "Dies ist kein Liebeslied" hat noch fünf Zeilen bekommen. Muss kurz vor Redaktionsschluss gewesen sein. Doch so jung ist die Duve gar nicht mehr, am 16.11. 1961 in Hamburg geboren. Michael Lentz ist sicher jünger. Den wollte ich, als ich seinen Roman "Liebeserklärung" letzte Woche im ICE von Berlin nach Kassel-Wilhelmshöhe auf dem Discman hörte, von ihm selbst gelesen, gleich imitieren. Das haben Sie nun davon. Jetzt hören Sie eben keinen ganz gescheiten Germanistenvortrag, keinen echten, selbstvergessenen, sachlichen Vortrag, nur eine unechte, mehr schlechte als rechte, nicht ganz durchgehaltene und noch dazu narzisstische Lentz-Imitation. Germanisten dürfen nie, Schriftsteller immer narzisstisch sein. Germanisten und Lexikonautoren dürfen nie, Schriftsteller immer über sich selbst sprechen, über sich selbst schreiben. Aber wenn ein Germanist liest, dass ein großes und bedeutendes Lexikon der Gegenwartsliteratur sein Lexikon ist, obwohl er zwar Thomas, aber nicht Thomas Kraft heißt, und obwohl er leider keine einzige Zeile für diese Lexikon geschrieben hat und ihm die Kraft und Geduld fehlen würde, ein solches auch nur herauszugeben, - wenn ein Germanist so etwas liest, wie soll er da nicht in narzisstische Träume verfallen. "Liebeserklärung" steht noch nicht in dem Lexikonartikel. Endlich bin ich, die Bibliografie, wo "Liebeserklärung" doch schon steht, ignoriere ich, endlich bin ich gegenwärtiger als dieses Lexikon der Gegenwartsliteratur. Aber dieses – und Martin Maurach in ihm – weiß sonst viel mehr über Lentz als ich. "Er studierte in Aachen und München Germanistik, Geschichte und Philosophie und promovierte 1998 in Siegen [warum nicht in München?] über Lautpoesie und Musik nach 1945. Von 1987 bis 2002 lebte er in München..." Schade, dass ich ihn da nicht mehr kennen gelernt habe. "Er tritt international als Saxofonist und Interpret von lautpoetischen Texten auf". Hätte heute sicher gut hierher gepasst mit seinem Saxofon.

Ich blättere in dem Lexikon und stoße auf Bohlen, ja Bohlen. Der hat also auch einen Artikel bekommen. Er ist zwar gerade schon 50 geworden und so gegenwärtig wie nie, doch das geht zu weit, ein Literaturlexikon mit Bohlen drin benutze ich nicht mehr. Doch das ist ja gar nicht der Dieter, sondern ein Hermann Bohlen. Noch nie gehört. Wohl weil ich so selten Radio höre. Hermann Bohlen muss man kennen, wenn man oft Radio und Hörspiele hört. Neben Kinder- und Jugendbuchautoren, Essayisten und Vertretern der Migrantenliteratur haben in die neue Ausgabe Hörspielautoren verstärkt Eingang in das Lexikon gefunden. Das steht so in Krafts Vorwort. Da muss doch auch unbedingt der Andreas Ammer zu finden sein. Den kenne ich noch aus der Zeit, als er in München studierte. War damals irgendwie mit Susanne Berkenheger in engerem Kontakt. Die hatte bei mir ihre Magisterarbeit geschrieben und ist inzwischen ein Star in der Internet-Literatur-Szene. Ah, über den Ammer stehen gleich drei Spalten in dem Lexikon, über die Berkenheger aber noch nichts. Internet-Literatur ist noch nicht lexikonreif. Auch noch nichts über Norbert Kron. Hat auch bei mir in München Magister gemacht und 2002 bei Hanser seinen ersten Roman veröffentlicht: "Autopilot" heißt der. In der nächsten Ausgabe des Lexikons sind die Berkenherger und der Kron sicher auch mit drin. Über den Ammer hat Jochen Meißner geschrieben. Der kennt sich mit Hörspielen wohl besonders gut aus. Der hat auch den Artikel über Bohlen geschrieben. Der lädt zu Entdeckungen ein. Man müsste noch so viel mehr Zeit zum Hören und Lesen haben. In diesem Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kann man ständig neue Entdeckungen machen. Würde lieber noch ein paar Stunden länger auf Entdeckungsreise durch das Lexikon gehen, als darüber nun was schreiben. Die Artikel über Böll oder Grass sind ja eigentlich fast überflüssig. Die kennen wir doch schon, diese Autoren. Aber Bohlen noch nicht. "Ähnlich sprachzentriert geht Bohlen zusammen mit dem Musiker Frieder Butzmann in dem Hörspiel ‚Die Wauwautheorie' (1995) der Frage nach, warum der Hund im Deutschen wauwau, im Chinesischen wangwang macht." Auch der letzte Satz des Artikels gefällt mir. Die Arbeiten Bohlens "belegen H.M. Enzensbergers These, dass die bundesdeutsche Gesellschaft von den 68ern bewohnbar gemacht worden sei." Muss schon länger her sein, dass Enzensberger sich so freundlich über die 68er geäußert hat. Ein früherer Herausgeber des Lexikons wollte gegen eine gewisse Linkslastigkeit bei der bisherigen Autoren-Auswahl vorgehen. Das ist jetzt keine Thema mehr. Wer hat denn hier über Enzensberger geschrieben? Christoph Bartmann. Den kenne ich vom Goethe-Institut. Schreibt sehr gute Rezensionen, früher in der FAZ, jetzt in der Süddeutschen, nachdem das halbe FAZ-Feuilleton nach München umgezogen ist. Das muss man dem Kraft schon lassen: Er hats geschafft, die richtigen, richtig gute Mitarbeiter für das Lexikon zu finden, die richtigen Mitarbeiter für die richtigen Autoren. Die Mitarbeiter kennen ihre Autoren lange und gut. Und sie können schreiben. Sie sollten gut schreiben können. Deshalb sind wohl so wenig Literaturwissenschaftsprofessoren vertreten. Diese sind entweder immer noch nicht in der Gegenwart angekommen oder sie können nicht schreiben, nicht so schreiben, dass es die meisten verstehen und gerne lesen. Detering, Frühwald oder Segebrecht sind da Ausnahmen. Aber die schreiben ja auch für Zeitungen. Die alte Arbeitsteilung bleibt also bestehen: Literaturwissenschaftler schreiben über die Vergangenheit, Literaturkritiker über die Gegenwart. Das ist nicht nur ein Lexikon der Gegenwartsliteratur, sondern auch eines der gegenwärtigen Literaturkritik. Fast die gesamte Szene der gegenwärtigen Literaturkritik ist hier vertreten, aus allen Altersstufen. Man sieht das gleich an dem "Verzeichnis der Mitarbeiter". Das ist ja fast so spannend wie deren Artikel.

Über wen hat denn der Raddatz hier geschrieben? Und der Ulrich Greiner, der Volker Hage und die Andrea Köhler. Die könnten ja über alles schreiben. Und der Kollege Mix? Wo blieb denn noch Platz für die alle, wo doch der Thomas Kraft selbst mit letzter Kraft fast alles geschrieben hat. Frau und Sohn mussten darunter leiden. Dafür hat er ihnen sein Lexikon gewidmet. Aber Reich-Ranicki fehlt. Man hätte doch was über ihn schreiben können. Hat ja schließlich "Mein Leben" geschrieben. Die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit waren da fließend. Dafür finde ich lauter Schülerinnen und Schüler von mir: Willi Winkler, das ist schon eine lange Zeit her, Lutz Hagestedt oder Thomas Kastura. Der Kastura wollte doch endlich seine Dissertation fertig machen. Stattdessen schreibt er für das Lexikon und inzwischen auch noch Romane. In der nächsten Ausgabe, die wohl 2011 erscheint, vielleicht schon früher bei dtv, steht sicher auch ein Artikel drin über ihn.

Verlag und Herausgeber eines solchen Lexikons der Gegenwartsliteratur sind wirklich nicht zu beneiden. Dauernd müssen sie der ständig vorwärtslaufenden Gegenwart hinterherlaufen. Sie sind gut gelaufen, sind der Gegenwart immer näher gekommen, haben die Gegenwart mit bibliografischen Angaben zum Frühjahrsprogramm 2004 sogar kurzfristig überrannt. Undine Gruenters Roman "Der verschlossene Garten" erscheint am kommenden Samstag. Unter dem Titel "Hortus conclusus" ist er im Lexikon schon verzeichnet. Aber die Gegenwart ist sonst immer ein Stück weiter als sie. Die schrecklich produktiven Gegenwartsautoren hören einfach nicht auf zu schreiben. Und wenn sie dann doch tot sind, sind schon neue an ihre Stelle getreten. Nichts bleibt in dieser sogenannten Gegenwart beim Alten. Da drohen Verschleiß und hohe Kosten. Zwei von drei der insgesamt 800 Beiträge mussten diesmal neu geschrieben werden. Das ist fast alles. Das kostet den Verlag Geld, da muss er viel Geld vorlegen. "Verleger" heißt ursprünglich "Vorleger", ein Verleger ist ein Geldvorleger. Das will er wiederhaben. Kein Wunder, dass das Lexikon 178 EUR kostet.

Das KLG, das "Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur", die große Konkurrenz, kostet 195 EUR, jede aktualisierende Nachlieferung 17,50 EUR zusätzlich. Das ist wie bei Druckern und Druckerpatronen. Die Patronen kosten schnell mehr als die Drucker, die Nachlieferungen mehr als die Erstanschaffung. Das KLG kann man hier einfach nicht verschweigen. Die KLG-Artikel sind ausführlicher und verzeichnen auch die Sekundärliteratur. Im LGL stehen dafür mehr Autoren. Das KLG hat 650, das LGL über 800. Duve, Lentz oder Dagmar Leupold stehen in beiden, Ammer, Bohlen oder Ulrike Draesner im KLG noch gar nicht. Das Konzept der Loseblattsammlung, die fortlaufend ergänzt oder ausgetauscht wird, ist natürlich für ein Lexikon der Gegenwartsliteratur bestechend. Da muss man nicht fünf oder zehn Jahre auf die Aktualisierungen warten. Im Wettlauf mit der Gegenwärtigkeit läuft das KLG oft langsamer, aber kontinuierlicher. Trotzdem habe ich das KLG schon vor Jahren abbestellt. Die Loseblatt-Lieferungen haben nicht nur viel Geld, sondern noch mehr Zeit gekostet. Stunden verbringt man statt mit Lesen mit dem Einsortieren der neuen Blätter und dem Aussortieren der alten. Und mit den alten Blättern musste man gleich auch noch die Notizen, die man sich darauf gemacht hat, mit wegwerfen. Da regte sich Widerstand. Da bin ich mit dem Nachsortieren nicht mehr nachgekommen, da haben sich die Loseblätterpäckchen im Regal gestapelt, da habe ich das KLG abbestellt.

Seitdem es das KLG-Online gibt, kann man darüber nur abgeklärt lächeln. Dem KLG-Online steht leider noch kein LGL-Online zur Seite. Das wünschte ich mir. Doch der Literaturwissenschaftler in mir, der Germanist in mir, würde das auch bedauern. Was die Ausgaben des Lexikons so wertvoll macht, ist nicht zuletzt ihr Wert als historische Dokumente. Dieses Lexikon hat schon seine eigene Geschichte. Und die gäbe es nicht und würde in Zukunft verloren gehen, wenn keine gedruckten ausgaben mehr erschienen, wenn die ständigen Aktualisierungen in Form von Loseblättern oder digitalen Eingriffen die Spuren der Vergangenheit vernichteten.
Die Geschichte dieses Lexikons sollte man mal ausführlicher erzählen, am besten aufschreiben. Das kann ruhig mal ein ernsthafter Wissenschaftler machen. So richtig empirisch-analytisch. Damit hat doch mal der Ulrich Dittmann angefangen, in einer Rezension vor zehn Jahren. Die hat ihm der damalige Lexikon-Herausgeber übel genommen. War wohl sehr wütend, hat die Selbstkontrolle über sich verloren – und die Goethe-Imitation irgendeines Aphoristikers zitiert. Was ein Rezensent sei: "ein Mensch, der zum Essen eingeladen wird und zum Dank auf den Tisch kotzt." Vornehmer gesagt und speziell auf den Rezensenten seines Lexikons gemünzt: "ein Mensch, der seine Frustrationen unter dem falschen Schein angemaßter Wissenschaftlichkeit in ungezügelte Aggressionen umsetzt." Das sollte also, so wollte es der damalige Lexikon-Herausgeber, der Rezensent seines Lexikons sein. Der, der Ulrich Dittmann, hatte dabei seine Rezension 1993 völlig einleuchtend so begonnen: "Nachschlagewerke, die mehrere Auflagen und Neubearbeitungen erlebten, können unerschöpfliche literatur- und kulturgeschichtliche Quellen sein. Wer je den Brockhaus durch das neunzehnte Jahrhundert verfolgt, hat den roten Faden der Bildungsgeschichte mit allen ihren Knoten in der Hand. Für die neuere deutsche Literatur bot das ‚Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur' / ‚Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur' (LGL) Belege für den Generationenwechsel in der Literaturwissenschaft und Kritik sowie für den Geschmackswandel bis in die achtziger Jahre." So ist es. Und bis zum Jahr 2004 gehen die Belege jetzt. Fast 40 Jahre der Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dokumentiert das Lexikon inzwischen – und der Geschichte der wechselnden Meinungen über sie und der Geschichte der Literaturkritik obendrein.

Doch hinter dieser Geschichte steht noch eine weitere, eine, die sich hinter den Kulissen abgespielt hat. Ich habe sie mir in Bruchstücken erzählen lassen. Da fand einer, der eine Laudatio auf Helmut Krausser gehalten hatte, 1997 seine Laudatio unverhofft in einen Artikel dieses Lexikons verwandelt vor. Unglaubliche, wunderliche Dinge sollen da passiert sein. In einer Auflage waren plötzlich alle Namen der Artikelschreiber versteckt, so gut wie verschwunden. Die Sache kam vor Gericht. Der erfolgreiche Kläger avancierte zum Herausgeber der nächsten Ausgabe des Lexikons. So souverän können Verlage mit ehemaligen Rechtsgegnern umgehen.
Und wie gut Herausgeber eines Lexikons mit Autoren umgehen können, zeigt nicht zuletzt dieser Abend. Ich freue mich, dabei sein zu dürfen, und danke, dass Sie mir zugehört haben, danke dem Herausgeber und dem Verlag für die Einladung. Und zum Schluss noch ein Dank an die Redaktion des Literaturblatts München: Jetzt weiß ich: die Ankündigung stimmte doch: "Die Literaturwissenschaftler und -kritiker Thomas Anz und Thomas Kraft präsentieren ihr neues Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur". Ich habe das nur falsch verstanden. Ich bin ja Besitzer und Leser dieses Lexikons. Es ist in diesem Sinne mein Lexikon. Und ich freue mich, dass es so ist.