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Neuester Stand: 29-01-2015 • 16:51

Herrsching zur Zeit Christian Morgensterns

Der im Januar 2006 gegründete "Kulturverein Herrsching e. V." versteht sich als Motor und Forum kultureller Aktivitäten in der Gemeinde. Mit der Ausstellung "Herrsching zur Zeit Christian Morgensterns" soll ein Stück Zeitgeschichte erinnert und in Herrsching und seinen Ortsteilen Breitbrunn, Widdersberg und Wartaweil lokal verortet werden.
Wilhelminismus, Neuromantik, Jahrhundertwende, Weltkrieg, Inflation und Räterepublik lauten die Stichworte, an denen sich diese Rückschau orientieren will. Vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Entwicklung im Deutschland dieser Jahre soll der Fokus dieses Projekts auf dem kulturellen Leben in der Ammersee-Gemeinde liegen, auf der Entwicklung vom Dorf am "Bauernsee" durch den Anschluß an das Eisenbahnnetz 1903 zum Ausflugs- und Wohnort für die Münchner Bürger.
Die Funde, die in Ausstellung und Begleitbuch präsentiert werden, belegen einen spannungsreichen Bogen der Geschichte, in dem viele interessante, unbekannte und auch prominente Künstler und Bürger ihre Spuren hinterlassen haben. Mit der Figur Christian Morgensterns, der zwar nie Bürger Herrschings, aber der Gemeinde doch auf vielfältige Weise verbunden war, blicken wir auf einen lebendigen Ort, der für viele der hier ansässigen Künstler Inspiration und Heimat zugleich war.

Herrsching zur Zeit Christian Morgensterns
Bilder des kulturellen Lebens zwischen 1870 und 1920


Inhaltsverzeichnis

Thomas Kraft: Vorbemerkung
Herrsching zwischen 1870 und 1920 in Daten und Bildern
Uwe Strehlow: Herrsching auf dem Weg zur eigenständigen Pfarrei
Thomas Kraft: Herrsching am Ammersee – ein Sehnsuchtsort für die Kunst
Christian Morgenstern: Autobiographische Notiz
Reinhardt Habel: Der Lyriker Christian Morgenstern
Christian Morgenstern: Auf dem Ammersee-Dampfer
Michael Bauer: Christian Morgensterns Verbindung von Leben und Werk
Ursula Hausen: Anfänge der "Bewegung für religiöse Erneuerung" in Breitbrunn bei Michael Bauer
Ursula Hausen: Michael Bauer (1871-1929 )
Wolfgang Kunz Ludwig Scheuermann – Skizzen seines Lebens (1859 - 1911)
Thomas Raff: Wartaweil und seine "Weiße Säule"
Oskar Panizza: Die Wallfahrt nach Andechs
Andrea Linz-Schlippe: Oskar Panizza (1853-1921)
Hermann Uhde-Bernays: Im Lichte der Freiheit
Christine Klösch: Hermann Uhde-Bernays (1873-1965)
Helene Böhlau: Föhn
Hubert Amft: Auf der Suche nach der "neuen Frau" – Leben, Werk und Frauenbild Helene Böhlaus
Theowill Übelacker: Nächtlich rauschender See / Wandernde Wogen
Lascar Vorel : Tagebücher
Egon Günther: Der "rote Regent" von Herrsching
Martin Andersen Nexö: Die verlorene Generation
Andrea Linz-Schlippe: Martin Andersen-Nexö (1869-1954)
Friedrich Freksa: Der rote Föhn
Christine Klösch: Friedrich Freksa (1882-1955)
Sabine F. Bloch: Widdersberg während der Räterepublik: ein Bericht und eine Postkarte. Aus den Lebenserinnerungen von F. H. Ehmcke
Thomas Kraft: Fritz Helmuth Ehmcke (1878-1965)
Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland
Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene
Otto Flake: Es wird Abend
Andrea Linz-Schlippe: Otto Flake (1880-1963)
Ernst Bloch: Gedenkbuch für Else Bloch-von Stritzki
hartmut geerken: trauer & kinderschlaf. ernst bloch in herrsching

Christian Morgenstern
Autobiographische Notiz


Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl Ernst Morgenstern (Sohne des Landschaftmalers Christian Morgenstern) und seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers Josef Schertel) in München geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg gelegenen – aller Kunst und heiteren Geselligkeit geöffneten – Hause mit parkartigem Garten glückliche, eindrucksreiche Kinderjahre.
Meine Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus Rücksicht auf ein beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem dritten oder vierten Jahre an überallhin mit. Besonders ist mir eine lange Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsaß in Erinnerung, die im wesentlichen in einer von zwei unermüdlichen Juckern gezogenen Kutsche zurückgelegt wurde. Dazwischen und später waren es dann die (damals noch ländlichen) bayerischen Seedörfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching, Weßling und später noch schlesische Dörfer am Zobten und im Vorland des Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben unvergeltbar Liebes erwiesen. Solch freundliches Los ward ihm zumal durch die Lebensführung des Vaters, der als freier Landschafter sowohl, wie dann, als er an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, Sommer um Sommer ins Land hinauszog; wozu noch kam, daß er ihn, als eifriger Jäger, bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte.
Diese Jahre waren grundlegend für ein Verhältnis zur Natur, das ihm später die Möglichkeit gab, zeitweise völlig in ihr aufzugehen.
Sie waren aber auch nötig, denn bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er die Mutter verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von außen wie von innen. Was sich bisher, gehegt und verwöhnt, daheim und im Freien so durchgespielt hatte – mein Spielen bildet für mich ein eigenes sonniges Kapitel – zeigte sich dem äußeren Leben, wie es vor allem in der Schule herantrat, weniger gewachsen. Es war, als wäre das Leidenserbe der Mutter, das doch erst zwölf Jahre darauf zu wirklichem Kranksein führte, schon damals übernommen worden; denn wenn auch mancher frische Aufschwung immer wieder weiter trieb, so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen ein, die ihn wohl nicht hätten so zu Jahren kommen lassen, wenn nicht irgend etwas in ihm ebenso zähe für ihn gestritten und ihn über das Schlimmste immer wieder von neuem hinweggebracht hätte. Vielleicht war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam nicht hatte geben können, ihm nun aus geistigen Welten heraus mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins Leben hinein, sondern zugleich auf Höhen des Lebens hinauf den Weg hatte finden sehen, auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren göttlichen Sinn wiedergewonnen hat.
Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugeführt haben, Friedrich Kayssler, dem die Sammlung "Auf vielen Wegen" (und wievel anderes!) mit dem Danke gehört: "Wär der Begriff des Echten verloren / In Dir wär er wiedergeboren."
In meinem 16. Jahr etwa wurde mir das erste Glück philosophischer Gespräche. Schopenhauer, vor allem auch schon die Lehre von der Wiederverkörperung, traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der Zwanziger, Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher Bildner und die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde. Die Aufgabe, Ibsens Verswerke zu übertragen, führte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik Ibsens teure Person kennen und durfte in den Übersetzungen von "Brand" und "Peer Gynt" mich innerlichst mit ihm verbinden.
Das Jahr 1901 sah mich über den "Deutschen Schriften" Paul de Lagardes. Er erschien mir – Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet – als der zweite maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war.

Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch:

Zu Niblum will ich begraben sein,
am Sau zwischen Marsch und Geest....

Zu Niblum will ich mich rasten aus
von aller Gegenwart.
Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus
nur den Namen und: "Lest Lagarde!"

Ja, nur die zwei Dinge klein und groß:
Diese Bitte und dann meinen Namen bloß.
Nur den Namen und: "Lest Lagarde!"

Das Inselchen Mutterland dorten, nein,
das willich nicht verschmähn.
Holt mich doch dort bald die Nordsee heim
mit steilen, stürzenden Seen –
das Muttermeer, die Mutterflut....
Oh, wie sich gut dann da drunten ruht,
tief fern von deutschem Geschehn!

Inzwischen war dem Fünfunddreißigjährigen Entscheidendes geworden: Natur und Mensch hatten sich ihm endgültig vergeistigt. Und als eines Abends wieder einmal das "Evangelium nach Johannes" aufschlug, glaube er es zum ersten Male wirklich zu verstehen.
Die nächsten Jahre – des Austragens, Ausreifens, zu Ende Denkens – überstand er so, wie er sie überstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten, sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er in völliger Unbekanntheit seine Tage hätte vollenden dürfen. Er war doppelt geworden und in der wunderlichen Verfassung, sich, sozusagen, groß und klein schreiben zu können. (In "Einkehr", "Ich und Du" und einer Sammlung Aufzeichnungen findet sich Einiges aus diesem Abschnitt.)
Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und fühlen: "So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das mächtige Fenster die draußen hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines großen Behälters, - und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du! – Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!"... Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberflächen-Erkennen und darum letzten Endes noch zur Unfruchtbarkeit verurteilt.
So kam das Jahr 1908 –

Da traf ich Dich, in ärgster Not, den Andern!
Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.
Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,
und siehe da: Das Schicksal war uns gut.
Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam
empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.
Der Steig war steil, doch wagten wir´s gemeinsam.
Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand...."

Der Andre war Sie, die mein Leben fortan teilte; der Pfad war der Weg anthroposophischer Erkenntnisse, wie sie uns heute, in einziger Weise, durch RUDOLF STEINER vermittelt werden.
In dieser Persönlichkeit lebt ein großer spiritueller Forscher "ein ganz dem Dienste der Wahrheit gewidmetes Leben" vor uns und für uns dar.
Vor ihm darf auch der Unabhängigste sich von neuem besinnen und revidieren; vor ihm hat dies jedenfalls der getan, der immer am liebsten dem Worte nachleben wollte:
- Vitam impendere vero (1913)

Christian Morgenstern
Auf dem Ammersee-Dampfer


Mir ist, als säh´ ich´s vor mir... Doch es liegt
schon manchen Mond zurück. – Es wiegt
der Dampfer sich durch rosenroten Schaum.
Fern das Gebirg – wie ein Titanentraum
So groß und dämmerhaft – die Ufer fast
verschleiert und von Nebeln überblaßt.

Das Schiff, gefüllt, wie es der Sonntag bringt;
ein Trupp von Ausflüglern, der lärmt und singt;
ein Weib mit einem Christus unter Glas
- der angetrunknen Schar zum groben Spaß -;
Philister, Liebespaare, Bauern – und
ein dicker Herr mit einem winz´gen Hund.

Zuerst sieht man den dicken Herrn allein.
Doch plötzlich greift er in den Rock hinein
und stellt vor seine Füße sorgsam mild
ein zitterndes, armsel´ges Jammerbild.
Da steht es nun und weiß entsetzensvoll
nicht, welches Bein zum Stehn es brauchen soll.

Da steht es nun m rauhen Windesstoß,
gerissen aus des Mantels warmem Schoß,
und schielt von Furcht geschüttelt auf den See,
voll Todesangst, daß ich ein Leid gescheh´.
und überkugelt sich bei jedem Lärm,
als führe ihm der Teufel ins Gedärm.
Bis endlich, als ein Passagier es neckt,
am Stiefel seines Herrn es bittend schleckt.
Der beugt sich schmunzelnd nieder, packt es und
versenkt es wieder in des Mantels Grund.
Nur manchmal guckt mit schlecht verhehltem Graun
das Köpfchen vor, sich schüchtern umzuschaun.

Mir ist, als säh´ ich´s vor mir... Doch es liegt
schon manchen Mond zurück. – Es wiegt
der Dampfer sich durch rosenroten Schaum.
Fern das Gebirg – wie ein Titanentraum.
Und vorn, ein Pärchen, rührend anzusehn:
Mit seinem kleinen Schützling der Mäzen.

Handschriftlich im Nachlaß, datiert 11.11.1893
Christian Morgenstern: Werke und Briefe (Stuttgarter Ausgabe)
Bd. 1, 1988, S. 555f., 990f.