Thomas-Kraft.net

Neuester Stand: 29-01-2015 • 13:00

Keine Lust auf Untergang

Am 8.April 2010 erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel von Thomas Hettche mit dem Titel Was Literatur ist. Klug und fundiert stellt Hettche darin Beobachtungen über eine veränderte literarische Öffentlichkeit zusammen. Literatur, schreibt er, entstehe in Wechselwirkung mit der »Kultur ihrer Verbreitung«. An die Stelle einer Auseinandersetzung mit der Qualität eines Werks sei inzwischen jedoch etwas anderes getreten. Der zunehmenden »Ignoranz der Kritik« stehe eine »geradezu groteske Begeisterung für den ökonomischen Erfolg von Büchern« gegenüber. Die Strukturen eines seit zweihundert Jahren existierenden Literaturbetriebs seien im Begriff »von innen heraus zu verschwinden« und mit ihnen die Achtung vor der Urheberschaft, die Unterscheidung von Text und Kommentar, Autor und Werk. »Etwas geht zu Ende«, schreibt Hettche.

Am gleichen Tag ist in der ARD der Schriftsteller Rainald Goetz zu Gast bei Harald Schmidt. Die Kamera zoomt auf den Hettche-Artikel. Schmidt fragt Goetz: »Was ist das, was Hettche da schreibt?« »Unsinn«, antwortet Goetz. Schmidt: »Ist Quatsch, oder?« »Genau.«

Kritik an der kulturellen Öffentlichkeit tut sich heute schwer in Deutschland. Nicht dass sie nicht geäußert wird. Über Einzelphänomene wie die Eventisierung und Ökonomisierung des Kulturbetriebs finden sich immer wieder Beiträge in den Feuilletons. Doch sie verpuffen in einem Klima, das von einer merkwürdigen Selbstzufriedenheit geprägt ist. Die Begeisterung für früher unvorstellbare Verkaufserfolge bei einzelnen Werken, das Lob einer unüberschaubaren kulturellen Vielfalt verführt offenbar dazu, jeder Selbstkritik aus dem Weg zu gehen. Überhaupt scheinen Zeitkritik, Gesellschaftskritik, System- und Kulturkritik Empfindlichkeiten zu berühren. Entweder sie werden von vornherein als vorgestrige ideologische Vorurteile abgetan oder als Simplifikationen, die der Komplexität der Zusammenhänge nicht gerecht werden. Man geht über sie hinweg, macht weiter im Tagesgeschäft. Unverhohlener Zynismus, wie er sich bei Schmidt und Goetz Luft machte, ist zwar ein Grenzfall, doch ein bezeichnender.

Dieser Band versucht in einer Zusammenschau ein komplexes Bild der gegenwärtigen kulturellen Veränderungen zu skizzieren. Sein Schwerpunkt liegt auf Literatur und Literaturbetrieb. Was wir zusammengetragen haben, so meinen wir, sagt aber auch etwas aus über den Zustand unserer Kultur insgesamt. Blickt man auf die unterschiedlichen Problemzonen gleichzeitig, fällt der Befund alarmierend aus und ist durchaus nicht schönzureden. Heinrich Manns Satz, »dass die Republik in der Urteilskraft jedes Bürgers wurzelt, und dass jeder der ihren die gesellschaftlichen wie auch die menschlichen Zusammenhänge deutlicher begreifen muss als unter anderen Staatsformen«, mag ein Ideal beschreiben. Als Zielvorgabe für die Demokratie ist es überlebenswichtig, ein höchster Wert. Denn die Trivialisierung der Gesellschaft bedroht ihre Grundlagen.

Die aktuellen Problemstellungen, denen sich die freie Autorenexistenz ausgesetzt sieht, lauten trotz guter Erfolge in der Vergangenheit (man denke als Beispiel nur an die Künstlersozialkasse) nicht wesentlich anders als 1969, als der VS gegründet wurde. Im Gegenteil, sie haben sich verschärft. Parallel zur strukturellen Veränderung unserer Gesellschaft hat sich auch die sozioökonomische Situation für viele Autoren drastisch verschlechtert. Das Geschäft ist härter geworden, den Gesetzen des Marktes vermögen viele nicht zu entsprechen. Lesen war immer schon ein Minderheitenprogramm, doch nun drohen den Autoren tatsächlich ganze Generationen wegzubrechen. Der Kampf um faire Honorare für Autoren und Übersetzer beschäftigt immer noch die Gremien, und mit der »feindlichen Übernahme« von Urheberrechten durch Google, die gar nicht mehr anfragten, sondern gleich Fakten geschaffen haben, ist eine neue Qualität in der Auseinandersetzung entstanden, deren Dimension und Wirkung für die meisten Kolleginnen und Kollegen noch abstrakt zu sein scheint, aber bereits ihre Professionalität existentiell bedroht.

Umso wichtiger sind die gemeinsamen Anstrengungen von Autorinnen und Autoren, sich innerhalb der Gesellschaft Gehör zu verschaffen, aber ihre Ziele nicht nur wohlklingend zu formulieren, sondern sie auch politisch durchzusetzen. Wie sagte Dieter Lattmann 1969:

»Unter Schriftstellern, man weiß es, ist der Sinn für Zusammengehörigkeit nicht sonderlich ausgeprägt. Autoren sind wenig brauchbar für die landesübliche Vereinsmeierei. Doch in einer Zeit, die zu großen Blöcken publizistischer Macht tendiert, müssen auch sie sich zusammenschließen. Vom Schriftstellerverband reden, heißt von sehr praktischen, sehr politischen Dingen reden. Es heißt von dem sprechen, was alle Autoren angeht und um dessentwillen man zurückstellen sollte, was die meisten trennt. (...) Wenn wir uns wechselseitig an unseren Büchern messen, einigen wir uns nie. Wenn wir aber zugrunde legen, von welchen Kräften wir abhängig sind - rechtlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich -, müssten wir Fachidioten sein, wollten wir das Bestehende nicht zu ändern versuchen.«

An der Richtigkeit dieser Worte ist nicht zu zweifeln. Und wir sitzen alle im gleichen Boot: nicht nur die Autoren, sondern auch die Verlagsleute, die Kulturvermittler, die Kulturjournalisten, die Pädagogen – und natürlich die Leser. Wenn wir an Heinrich Bölls Wort vom »Ende der Bescheidenheit« anknüpfen und in der wechselseitigen Verantwortung für das Wesen dieser Gesellschaft eintreten, vernehmlich eintreten, dann kann - mit entsprechender Unterstützung durch die Politik - etwas erreicht werden. Zwar könnte man zuweilen mutlos werden, wenn man auf die eigene Zunft schaut. Denn die von Dieter Lattmann angesprochenen Einzelkämpfer, die sich nur um ihr nächstes Buch kümmern und nicht links und rechts blicken, sind nicht wenige. Umso erfreulicher ist es dann, wenn man das Wirken von Autoren beobachtet, die über den eigenen Tellerrand schauen und sich einmischen, öffentlich werden, zur Rede stellen. Die Einmischungen zu bündeln und so ihr Gewicht, ihre Wahrnehmbarkeit zu vergrößern, ist das Ziel dieses Buchs.

Friedrich Schiller hat ein Gedicht geschrieben, Pegasus im Joche, das erzählt, wie es dem Flügelpferd des Dichters ergeht, wenn es auf dem Pferdemarkt verramscht wird. Der Käufer fesselt ihm die Flügel an den Leib, missbraucht es als Kutschpferd, spannt das störrische Geschöpf schließlich mit einem Ochsen vor den Pflug, wo es zusammenbricht. Bis »ein lustiger Gesell« des Wegs kommt und um einen Proberitt bittet. »Kaum fühlt das Tier des Meisters sichere Hand«, schwingt es sich in die Lüfte. Es entschwebt auf Nimmerwiedersehen.

Seit zweihundertfünfzig Jahren setzen sich Schriftsteller dafür ein, der Kultur in diesem Land einen angemessenen Platz zu schaffen und zu erhalten. Sie hatten und haben auch heute keine Lust auf Untergang.

Thomas Kraft
Norbert Niemann