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Neuester Stand: 05-09-2017 • 20:47

Sam Shepard: Drehtage. Stories. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 320 Seiten, 19,99 EUR

Auf dem Cover gibt der halbwüchsige Sam Shepard bereits den lässigen Rodeoreiter, der, mit großer Geste den Cowboyhut schwenkend, ein riesiges Pferd in die Knie zwingt. Das passt gut zum hemdsärmligen Charme dieses literarischen Skizzenbuchs, das der amerikanische Autor und Schauspieler auf seinen Fahrten „ohne besonderen Grund kreuz und quer durchs Land“ angefertigt hat. Genervt vom großen Rauschen der Städte, hirnfiebrig und schwindlig von einem ständigen Geschwätz im Kopf, das sich nicht abstellen lässt, begibt sich sein literarisches alter ego auf einen endlose Tage dauernden Trip auf den „blöden American Highway“, um alte Erinnerungen aufzufrischen und wie ein monströser Killer die Masken von den allmählich verblassenden Gesichtern zu reißen.

Shepard sucht auf seiner Reise ohne Ziel den schönen Ort, das beschissene Paradies und den Gral der Vergeblichkeit, ein melancholischer ewiger Krieger, der inmitten all der verlorenen Wüstenseelen zwischen Montana und Mexiko, zwischen Bourbon und Tequila, alles auf den Kopf stellt und dabei hofft, den „Orangenhain meiner Vergangenheit“ wieder zu entdecken. Doch auch wenn süße Kellnerinnen mit Zwiebelhintern und Vollbusen die Versuchung zumindest erahnen lassen und eine längst vergessene Freundin aus Hippietagen auf die Couch im ranzigen Motel bittet, alles bleibt erkennbar Referenz und Zitat in einer Zeit, wo selbst auf dem Lande Fernseher von voreingestellten Computerprogrammen zentral gesteuert werden und Country-Ikone Shania Twain mit samtgrünen Stilletos und erbarmungsloser Endlosschleife hilflose Männer in den Tod singt.

„Ich dachte, wir wollten einfach auf Tour gehen und alles auf uns zukommen lassen. Wie in alten Zeiten.“ Doch das funktioniert nicht mehr, die Jugend ist geopfert, Marlon Brando und Elvis sind weit weg, alles verschwindet oder versinkt wie in den Fluten des Hochwassers von New Orleans, „keine Fährte keine Spur der leisesten Art“.

Shepards seltsame Geschichten ergeben kein Trostbuch für Nostalgiker. Vielmehr setzt sich diese weitgehend lose Aneinanderreihung von Notaten, kurzen Dialogen, Kurz- und Kürzestgeschichten zu einer Collage aus Eindrücken zusammen, die man während des Reisens, beim Blick aus dem Fenster (dem dann doch letztlich der Blick in innere Räume folgt), gewinnt. Der Blitz, der in einer Geschichte im Kopf eines Mannes, des „Lightning Man“, einschlägt, verschafft nur kurzzeitig so etwas wie Erhellung. Am Ende bleiben die Schmerzen.