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Neuester Stand: 25-09-2017 • 11:07

Hari Kunzru: White Tears. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2017. 350 Seiten, 22 Euro

Es ist der große Rock`n´Roll Schwindel und gleichzeitig der Alptraum des amerikanischen Selbstverständnisses, dem der englische Autor Hari Kunzru mit seinem fünften Roman auf den verschwitzten Leib rückt. Was sich beispielhaft dieser Tage mit „America First“ hochstilisiert und dabei demonstrativ auf kulturelles Erbe und traditionelle Werte verweist, dem tritt Kunzru mit diesem fiebrigen, gerade in seinen surrealen Momenten sehr gegenwärtigen Roman heftig vor das Schienbein.

Hier treten die Schatten der Vergangenheit hervor, die Zeiten schieben sich ineinander, und was im weißen Establishment als Fundament der amerikanischen Gesellschaft bejubelt wird, erweist sich als ein von Gewalt, Rassismus und Ausbeutung geprägtes System, das bis heute seine Opfer fordert und dann zu verstecken sucht. Denn der Teufel, so heißt es in dieser bitterbösen Satire, sitze immer noch am Steuer.

 

Erzählt wird die Geschichte von Seth, einem nerdigen Geräuschesammler und IT-Tüftler, der mit seinem Freund Carter ein Tonstudio in New York betreibt. Besessen arbeiten die beiden an einem möglichst authentischen Sound, der „unvorstellbare Räume im Kopf öffnen“ soll. Dabei gehen sie zurück zu den Wurzeln des Blues, in die zwanziger und dreißiger Jahre, es soll richtig knistern und kratzen, wenn sie alte Raritäten neu mixen und sampeln, um im hippen Musikgeschäft die coolste Adresse zu werden.

In der Folge entwickelt Carter, Spross und schwarzes Schaf eines milliardenschweren Familienclans, immer radikalere Ansichten, hasst die digitalen Sünden der Moderne und begibt sich in offensiver Abgrenzung zu einem seiner Meinung nach übersättigten Kommerzmarkt auf die Suche nach dem ultimativen Kick, der noch nie gehörten Platte, letztlich dem Ursprung der (schwarzen) Musik. Als er an eine zufällige Aufnahme Seths gerät, in der ein schwarzer Sänger Zeilen eines großartigen Bluessongs intoniert, fasst er den folgenschweren Entschluss, daraus ein fiktives Stück zu basteln und es als authentisches Unikat  auf den einschlägigen Plattformen für Sammler anzubieten.

 

Was bislang als die Geschichte einer ungleichen Freundschaft und als Insider-Blick auf ein Start-up im amerikanischen Musikbusiness zu verfolgen ist, kippt an diesem Punkt unversehens und hochdramatisch in eine Tour-de-Force voller paranoider Schübe, in der die harmlose Suche nach dem Sänger dieses Bluessongs sich zu einem gewalttätigen Trip durch das amerikanische Bewusstsein auswächst.

Kunzru ruft die Geister der Vergangenheit, spielt virtuos mit Imaginationen und Fiktionen und erschüttert jegliche Sicherheiten seiner Figuren, wenn er der Erfindung von Seth und Carter ein scheinbar reales Gegenstück zuordnet, hinter dem nicht nur der Teufel her ist.

Geschichte scheint sich zu wiederholen, als Carter auf seiner Suche nach weiteren seltenen Platten in der Bronx ins Wachkoma geprügelt wird. Rächt sich nun der irrsinnige Fake, die Gier nach dem Speziellen, die vor nichts Halt macht und damit auch die Schuld, die manch einer dabei auf sich geladen hat?

 

Seth will herauskriegen, was mit Carter passiert ist. Leonie, Carters Schwester, ist an seiner Seite. Doch es gibt ein dunkles Geheimnis, von dem sie nichts ahnen. Fast naiv wollen sie sich verorten, suchen sie nach Bindungen, einem Halt in der Gegenwart, der sich der Vergangenheit sicher sein kann. Und werden, so viel darf man verraten, scheitern: „Ich bin nur ein Mann, der auf einem Stuhl sitzt und eine Aufnahme hört, die vor langer Zeit entstanden ist. Früher oder später wird sie auf die Auslaufrille treffen.“ 

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Als Sammler von Tönen und Klängen wollte Seth Verbindungen zu Orten und Zeiten aufnehmen, die Welt festhalten und damit bewahren. Doch so wie er und Carter mit ihren technischen Erfindungen das Material verändern, es schmutziger machen oder Aufnahmen säubern, um es für ihre Zwecke zu verwenden, so spielen die Mächtigen mit ihnen.

 

Authentizität ist bei Kunzru kein Gütesiegel mehr, nur noch eine Fiktion. Wenn auch eine schöne. Die Suche danach, so suggeriert sein außergewöhnlicher Roman, nach Klang-Juwelen und nie Gehörtem, habe vielleicht ihren Wert an sich. Millionen von Sammlern werden das bezeugen. Aber es wäre eine Illusion zu glauben, dass man dadurch dem Leben ein Stück näher kommen könne. Denn das habe seine eigene Dynamik, seinen eigenen Klang. Und der werde einem nicht immer gefallen. Denn es gebe andere Interessen, die für Sentimentalitäten nichts übrig hätten.

 

Sam Shepard: Drehtage. Stories. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 320 Seiten, 19,99 EUR

Auf dem Cover gibt der halbwüchsige Sam Shepard bereits den lässigen Rodeoreiter, der, mit großer Geste den Cowboyhut schwenkend, ein riesiges Pferd in die Knie zwingt. Das passt gut zum hemdsärmligen Charme dieses literarischen Skizzenbuchs, das der amerikanische Autor und Schauspieler auf seinen Fahrten „ohne besonderen Grund kreuz und quer durchs Land“ angefertigt hat. Genervt vom großen Rauschen der Städte, hirnfiebrig und schwindlig von einem ständigen Geschwätz im Kopf, das sich nicht abstellen lässt, begibt sich sein literarisches alter ego auf einen endlose Tage dauernden Trip auf den „blöden American Highway“, um alte Erinnerungen aufzufrischen und wie ein monströser Killer die Masken von den allmählich verblassenden Gesichtern zu reißen.

Shepard sucht auf seiner Reise ohne Ziel den schönen Ort, das beschissene Paradies und den Gral der Vergeblichkeit, ein melancholischer ewiger Krieger, der inmitten all der verlorenen Wüstenseelen zwischen Montana und Mexiko, zwischen Bourbon und Tequila, alles auf den Kopf stellt und dabei hofft, den „Orangenhain meiner Vergangenheit“ wieder zu entdecken. Doch auch wenn süße Kellnerinnen mit Zwiebelhintern und Vollbusen die Versuchung zumindest erahnen lassen und eine längst vergessene Freundin aus Hippietagen auf die Couch im ranzigen Motel bittet, alles bleibt erkennbar Referenz und Zitat in einer Zeit, wo selbst auf dem Lande Fernseher von voreingestellten Computerprogrammen zentral gesteuert werden und Country-Ikone Shania Twain mit samtgrünen Stilletos und erbarmungsloser Endlosschleife hilflose Männer in den Tod singt.

„Ich dachte, wir wollten einfach auf Tour gehen und alles auf uns zukommen lassen. Wie in alten Zeiten.“ Doch das funktioniert nicht mehr, die Jugend ist geopfert, Marlon Brando und Elvis sind weit weg, alles verschwindet oder versinkt wie in den Fluten des Hochwassers von New Orleans, „keine Fährte keine Spur der leisesten Art“.

Shepards seltsame Geschichten ergeben kein Trostbuch für Nostalgiker. Vielmehr setzt sich diese weitgehend lose Aneinanderreihung von Notaten, kurzen Dialogen, Kurz- und Kürzestgeschichten zu einer Collage aus Eindrücken zusammen, die man während des Reisens, beim Blick aus dem Fenster (dem dann doch letztlich der Blick in innere Räume folgt), gewinnt. Der Blitz, der in einer Geschichte im Kopf eines Mannes, des „Lightning Man“, einschlägt, verschafft nur kurzzeitig so etwas wie Erhellung. Am Ende bleiben die Schmerzen.